Twitterst Du schon?

4. Februar 2009 – 18:08 von Michael Tesar

Twitter – social networking total, Kurznachrichten über Channels an Freunde senden – wird immer mehr zu einem Tool, einem neuen Kommunikationsmittel, das im Stande ist unser Kommunikationsverhalten möglicherweise zu verändern.

Zahlreiche Artikel geben Anlass sich Gedanken zu machen, ob man auf den Zug des Twitterns aufspringen soll, eigentlich besser dem Hype(?) folgen sollte oder ob man lieber den “klassischen” Web 2.0-Anwendungen (Weblogs, Communitysites, etc.) treu bleibt… Oder macht es gar die sinnvolle Kombination all dessen aus?

Die Anwendungen von Twitter sind vielfältig. Betrachtet Michael Kerres Twitter als ein ambivalentes Tool, welches vor allem in der Freizeit und mobil genutzt werden sollte / kann, geht Tony Karrer mit dem Ansatz voraus, Twitter als Möglichkeit des personalisierten Lernens zu nutzen. Persönlich kritisch hinterfragen tut Alexander Florian Twitter – ihm reichen bestehende Tools / Methoden wie E-Mail, Foren, Blogs… Eine wahre Aussage, wenn man bedenkt, wie viel Information von Lehrenden und Lernenden mittlerweile über elektronische Medien verarbeitet werden müssen – Stunden werden vor dem PC verbracht um E-Mails zu lesen und zu beantworten, Foren zu moderieren, Einträge von Lernenden zu kommentieren, E-Learning-Plattformen mit Inhalten zu füllen – und dann noch zahlreiche Twitter-Channels die mit weiteren Informationsfluten auf uns einherströmen.  An dieser Stelle sei Rudolf Maresch aus seinem Artikel Wissensgesellschaft 2.0 [1, S. 54] zitiert:

“Diese Zeit der Prüfung und Diskussion bleibt im überhitzten Getriebe der Echtzeit-Gesellschaft kaum noch, sodass eigentlich nur noch die gut bewehrte Skepsis bleibt, der Zweifel gegenüber allem, was Aufklärung, Wahrheit und Gewissheit verspricht. [...]
Eindrücke und Informationen zu sammeln ist nichts Ungewöhnliches, wir machen das tagein, tagaus, beim Autofahren, beim Kochen in der Küche oder beim Flanieren in der City. Und bloß zu wissen, wo man Wissen findet, wenn man es braucht, bleibt letztendlich unzureichend. Wer wirklich wissen will, muss es sich deshalb aneignen.”

Die Reduktion der Informationen via Twitter auf das Wesentliche – nicht zuletzt begünstigt durch die maximale Zeichenlänge von 140 Zeichen – lässt eine gut strukturierte Informationsweitergabe zu. Das Potential in Twitter ist nach Mandy Schiefner wohl im informellen Lernen zu sehen. Persönliche Inhalte zu verbreiten mag nicht jedermans Sache sein, hingegen Fakten / Informationen / Neuigkeiten informeller Natur über Twitter zu verbreiten, da scheint eine brauchbare Anwendung des Dienstes im Raum zu stehen, der wir im Bereich des E-Learning, im Bereich der Wissenschaft wohl doch Beachtung schenken sollten. Zumindest eine kritische Beobachtung der Aktivitäten in dem Bereich erscheint unumgänglich.

Wenn Firmen Twitter-Channels als erfolgreiches Marketinginstrument nutzen, warum dann nicht auch die Wissenschaft? Die Öffentlichkeit ist oftmals stark an den wissenschaftlichen Aktivitäten einzelner Institutionen interessiert (ist sie in vielen Fällen doch die Finanzierungskraft) – nun wäre eine rasche Verbreitung von Neuigkeiten möglich. Ganz im Sinne von Open Access könnten nun alle Interessierten partizipieren. Da stellen sich jedoch zwei Fragen:

1.) Wer kennt schon Twitter – außerhalb der “Insider-Community”? Viele Menschen können mit dem Begriff nichts anfangen; Sind damit überfordert; Oder ungewillt sich mit Neuem zu belasten.

2.) Kann Twitter das schaffen, was Weblogs und sonstige Instrumente des Web 2.0 nicht geschafft haben? Althergebrachte Kommunikationsstrukturen zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit zu durchbrechen oder gar zu revolutionieren? Seien wir ehrlich, viele Institutionen haben Webseiten, die inhaltlich veraltet sind und wenn es dann hin und wieder  enthusiastische MitarbeiterInnen gibt, die einen Weblog betreiben, werden diese belächelt. Aber vielleicht liegt gerade darin das Potential der Nutzung von Twitter – geringer Wartungsaufwand, schnelle Publikation der Nachricht, zielgruppen-orientiertes kommunizieren. Letzteres spiegelt sich bei Martin Ebner wieder, der Twitter als (reines?) Kommunikationsmittel betrachtet.

Die umfangreiche Gedankenaufstellung von Helge Städtler zum Thema gibt klar zu verstehen zu welch unterschiedlichen Anwendungen Twitter genutzt wird. Aber auch hier wird wieder ersichtlich, mit welcher neuen Informationsflut der Mensch konfrontiert wird.

Als Resümee muss wohl tatsächlich – wie nicht selten – zwischen den Vor- und Nachteilen des Tools abgewogen werden und evaluiert werden, ob ein Einsatz gerechtfertigt ist. Die Entwicklung wird kritisch mitzuverfolgen sein. Und: Erste Ansätze Twitter in Lehrveranstaltungen einzusetzen gibt es.

Eine Möglichkeit im Bereich des E-Learning ist es, populäre Lernmanagementsysteme um weitere Kommunikationsmöglichkeiten (außer E-Mail, Instant Messaging, Chat, Foren) wie Twitter zu ergänzen und so über neue Inhalte und Aktualisierungen zu informieren. Denn die Erfahrung zeigt nicht selten, dass sich Lernende über längere Zeiträume hinweg nicht in E-Learning-Kurse einloggen und so über wichtige Ankündigungen bzw. Inhalte uninformiert sind, aber vielleicht schafft ein entsprechender Twitter-Channel Abhilfe!?

Viele Fragen gepaart mit Skepsis und der Befürchtung einer weiteren Quelle der Reizüberflutung hinterlassen einen nüchternen Eindruck; dennoch sollten wir Twitter eine Chance geben – frei nach dem Motto: Twitterst Du schon?

Literatur:

[1] Maresch, R.: Wissensgesellschaft 2.0; in Iglhaut, S., Kapfer, H., Rötzer, F. (Hrsg.); What if? Zukunftsbilder der Informationsgesellschaft; Telepolis -Buchreihe; Heise Zeitschriften Verlag Hannover; 1. Auflage 2007; S. 31 ff.

  1. 5 Kommentare zu “Twitterst Du schon?”

  2. Anmerkung am Rande: Einen schönen Beitrag zu Twitter – ganz unabhängig vom E-Learning-Kontext – gab es neulich in einer Episode von “Elektrischer Reporter”: http://www.elektrischer-reporter.de/elr/video/83/

    Und zum Thema neue Kommunikationstools und deren Integration in kreative Settings noch ein weiterer Link: http://www.twitterlesung.de. Bleibt herauszufinden, ob es bereits die erste TwitterVORlesung gibt. ;-)

    geschrieben von Monika Haberer am 04. Feb, 2009

  3. Noch einen Nachtrag: gute Tipps zu Twitter-Themen im Wissenschaftsbetrieb 2009 hat übrigens auch M. Kerres:
    http://mediendidaktik.uni-duisburg-essen.de/node/4892 :-)

    geschrieben von Monika Haberer am 10. Feb, 2009

  4. Danke für die Links. Gerade die Twitterlesung zeigt eine neue kreative Möglichkeit auf. Zumindest sorgte sie für einen kurzweiligen Abend. Mir stellt sich aber die Frage, ob so ein Format “massentauglich” ist. Oder ob es Veranstaltungen für IndividualistInnen bleiben.

    Eine reine Twitter-Vorlesung habe ich bis dato nicht gefunden, obwohl ich mich in den vergangenen Tagen intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt habe. Für Hinweise wäre ichdankbar!

    Etliche KollegInnen setzen Twitter bereits in Vorlesungen ein – nicht immer ist ein Konzept ersichtlich, oft ist der Einsatz nur dadurch begründet, dass man das Tool nutzen möchte und es gerade “in” ist.

    Ich werde wahrscheinlich im kommenden Semester Twitter in einer universitären Großlehrveranstaltung einsetzten. In welcher Form und mit welchen Hintergedanken – ich werde berichten.

    geschrieben von Michael Tesar am 10. Feb, 2009

  5. Sehr interessant ist auch:
    19 Einsatzmöglichkeiten von Twitter im Unterricht:

    http://dougbelshaw.com/blog/2009/02/04/interesting-ways-to-use-twitter-in-the-classroom/

    geschrieben von Michael Tesar am 28. Feb, 2009

  6. Danke, Michael, für deinen spannungsreichen Querschnitt der Reaktionen der Fachwelt auf das Twitter-Phänomen, deine aufgeworfenen Fragen und Gedanken dazu.

    Der Umstand, dass das Thema Twitter momentan quer durch verschiedene Medien und (Fach-) Kulturen – auf unterschiedlichem Niveau – gehyped wird, muss dieses ja nicht als reine „Trend-Seifenblase“ diskreditieren. Zumindest hat die Twitter-Praxis sich so weit über ein Nischen-Dasen unter Nerds hinaus verbreitet, dass sie Eingang in den wissenschaftlichen Diskurs der Medienpädagogen, Soziologen, et al. gefunden hat – wenn auch oft mit kritischem Tenor.

    Auf die für uns relevante Frage, ob Twitter auch sinnvoll in didaktischen Szenarien eingesetzt werden kann, hat dein Beitrag ja bereits differenzierte Antworten gegeben.
    Die Vorbehalte (Reizüberflutung mit Banalitäten, Einsatz in unangemessenen Kontexten, Verflachung komplexer Inhalte, Technikhürde für bestimmte Nutzer, etc.) sind m. E. nicht von der Hand zu weisen. Dennoch geben einige der Beispiele von gelungenen Erprobungen im Lehr-Lernkontext Anlass, die Twitter-Technologie in den E-Teaching-Werkzeugkasten mit aufzunehmen und in sinnvollen Kontexten selbst zu testen.
    Ich bin sehr gespannt, Michael, auf das Ergebnis des Twitter-Einsatzes in deinen Lehrveranstaltungen im kommenden Sommersemester.

    Hier noch ein paar Anmerkungen zu deinem Beitrag:
    > 1.) Wer kennt schon Twitter…
    Dass es bislang nur einen eher kleinen Kreis aktiver Twitter-Kenner und –Nutzer gibt, mag für Marketing-Szenarien eine Einschränkung sein. In didaktischen Kontexten würde ich eine fehlende Vorerfahrung jedoch nicht als Hindernis ansehen, auch wenn das Tool für ein Szenario erst neu eingeführt werden muss, kann bei vorhandener allg. Medienkompetenz mit schneller Annahme der Twitter-Praxis gerechnet werden. Allerdings sollte zur Motivation m. E. der Mehrwert für den Lerner / die Lerngemeinschaft klar definiert werden (keine Technikspielerei um der Technik Willen).

    > 2.) Martin Ebner etc.
    Die Nutzung von Twitter als reines Kommunikationsmittel (z. B. als lernplattformunabhängiger News-Ticker) halte ich für leicht praktikabel ( -> niedrigschwelliger Einstieg), aber nicht unbedingt für didaktisch innovativ. Vielleicht kann die Twitter-Praxis das auch gar nicht leisten und der News Channel stellt sich als (einzige) angemessene Nutzungsart heraus.

    > Das Potential in Twitter ist nach Mandy Schiefner wohl im informellen Lernen zu sehen…
    Nach M. Schiefner soll beim Twittern ein informelles Lernen zustanden kommen, weil Nutzer die 140 Zeichen nutzen, um komprimiert Informationen und Nachrichten zu versenden. (In Ihrem Blog berichtet sie von Literaturtipps, Konferenzeindrücken, Projektberichte, etc.) Das halte ich, auf die breite Nutzerschaft von Twitter angewandt, jedoch für unrealistisch: Ein Großteil der Tweets hat triviale (oder persönliche) Inhalte, kryptische Sprache, oftmals eine humorvolle Absicht (vgl. Beispiele aus der Twitterlesung Hamburg). (Für den Austausch mit Projektpartner gibt es sicherlich komfortablere Medien.)

    Dass man durch Microblogging nebenher lernt, halte ich für unrealistisch. Aus didaktischer Sicht gewinnbringend kann Twittern m. E. nur dann werden, wenn ein Lehr-/Lernkonzept den Rahmen gibt.
    Dazu ist dein Link-Tipp (http://dougbelshaw.com/blog/ …) sehr interessant:
    Bei den genannten Einsatzmöglichkeiten (19 interesting ways…) finde ich auffällig, dass ein Großteil der Szenarien eine Aufgabenstellungen beeinhalten, die ebenso auch ohne die Twitter-Technologie durchgeführt werden könnten, d. h. die Technologie und die neue Praxis der Kommunikation schafft keine neuen, twitter-spezifischen Anwendungen. Anstatt Stift und Papier benutzt man einfach das andere In-Medium ohne Mehrwert (und mit mehr Umständlichkeit). -> Beispiele dafür: # 3 Summarise topics (interessant hingegen finde ich den spielerischen Ansatz der historical tweets, bei dem Dialoge in der Rolle hist. Persönlichkeiten geführt werden), # 5 Collate classroom views (anderes Tool besser geeignet, z. B. Wiki), # 8 Short but sweet (Fortsetzungsgeschichte), # 12 Point of view and character development, # 19 Monitor the learning process (wäre ein E-Portfolio nicht das passendere Tool?). Andere Szenarien lassen den didaktischen Aspekt vermissen ( # 6 Let parents follow what you are up to; # Instant Webpage Updates).
    Einen Mehrwert (oder Innovationswert) gegenüber anderen Medien besteht m. E. in den Szenarien, in denen z. B. das Kommunizieren über räumliche Distanz oder auch das Lokalisieren von twitternden Personen eine Rolle spielt (# 1 Gather real world date, # 2 GeoTag, # 11 Come together, # 13 GeoTweets), oder ein Kommunikationssetting über Twitter wirklich am komfortabelsten ist (bei manchen Experten-Kontakten, s. # 17).

    Auf den Punkt bringt M. Kerres die Frage nach dem didaktischen Nutzen in dieser Aussage:
    „Ist es ein Lerntool? Nun, es ist m. E. einfach ein Tool, das die soziale Netzwerkbildung unterstützen kann und insofern jede Art von Gruppenbildung und -arbeit unterstützen kann.“ (http://mediendidaktik.uni-duisburg-essen.de/node/4892)

    Noch eine Anmerkung zu der Twitterlesung, auf die Monika Haberer hingewiesen hat:
    In dieser unterhaltsamen Lesung ausgewählter Tweets wird die Twitter-Kommunikationskultur zum Gegenstand der Betrachtung – sei es aus soziologischer, medien-/kommunikations-/literaturwissenschaftlicher … etc. Sicht. Die Lesung an sich – die sinnhafte und pointierte Zusammenstellung der Tweets (bestimmte Kommunikationstypen, Parallelen und auch gegensätzliche Stile werden ersichtlich, komische Effekte werden unterstrichen) – könnte glatt als postmodernes Kunstwerk betrachtet werden (als Geisteswissenschaftlerin liegt mir diese Interpretation nahe :-) ).
    In den Tweet-Beispielen wird auch deutlich, wie (einige) Twitter-Nutzer die mediumsspezifische Sprache (z. B. Raute zur Markierung einer Kategorien) nutzen, um bestimmte Effekte zu erreichen (oft: Humor), was durchaus anspruchsvoll ist. Gutes Beispiel: http://www.flickr.com/photos/moeffju/3219329864/

    geschrieben von Dorit Günther am 13. Mrz, 2009

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