Eindrücke von der Learntec 2009
9. Februar 2009 – 18:32 von Dorit Günther
Von dem Besuch der Bildungs- und Informationstechnologie Fachmesse Learntec 2009 (3. bis 5. Februar in Karlsruhe) habe ich – neben dem allgemeinen Eindruck, dass die Messe mit jährlich schwindenden Aussteller- und Besucherzahlen in der Krise steckt - folgende Eindrücke mitgenommen:
Die größte Angebotspalette gibt es in dem Bereich Content – von Lernsoftware über Planspiele und Virtuelle Simuationen (inbes. im Bereich Medizin) zu Content Production Tools, darunter mehr Autorentools als Kollaborationstools.
Neben den “großen” Anbietern fertiger Softwarelösungen haben (zumindest in meiner Wahrnehmung) die kleineren Anbieter maßgeschneiderter Produkte an Stellenwert gewonnen.
Interessant in dieser Sparte fand ich das Konzept der Firma create.at, “Unternehmensinhalt und Wissen mit audiovisueller Lernkommunikation zu vermitteln”, d.h. in den Projekten mit Kunden werden für die Weiterbildung der Mitarbeiter Vodcasts/Podcasts in verschiedenen Formaten entwickelt.
- In dem 3-minutigen Format “Jingle” wird ein Lerninhalt und dessen Relevanz eingeführt. Diese Jingles werden gezielt in den Lernkontexten eingesetzt, in denen bei den Rezipienten Skepsis oder gar Ablehnung gegenüber E-Learning besteht. (Diesen Vorbehalten begegnet man auch im Hochschulkontext häufiger – daher hat mich dieser Aspekt besonders interessiert.) Wie der Mitarbeiter von create.at erzählte, sei die Resonanz auf diese zu E-Learning Angeboten hinführenden Jingles sehr positiv. Inhaltlich greife solch ein Jingle potentielle Gegenargumente gegen das Lernmedium oder die Lerninhalte (z.B. Mitarbeitergespräch – die Notwenigkeit wird bezweifelt) auf und entkräftet diese mit psychologisch angelegter Dramaturgie (im Produktionsteam seien nicht nur Fachautoren und Mediengestalter, sondern auch Theaterwissenschaftler beschäftigt) – mit Betonung des Unterhaltungswertes. Es soll Neugierde auf die Lerninhalte geweckt und der Bezug zum Arbeitsalltag hergestellt werden.
- Das 22-minütige Format ist speziell für mobiles Lernen konzipiert (die Dauer entspricht der durchschnittlichen Zeit, die ein Berufstätiger mit dem Weg zum Arbeitsplatz verbringt) und bietet 1 Lerneinheit. Der Inhalt wird szenisch aufbereitet, teilweise durch Videosequenzen vor Ort (zur Lokalisierung und Relevanzsteigerung des Inhaltes werden Führungskräfte und Kollegen als Darsteller eingesetzt), teilweise durch virtuelle Räumlichkeiten. Die Inhalte werden in überschaubare “knowledge nuggets” aufgesplittet und in regelmäßigen “Happen” (Episoden) serviert. Zudem wird der Aktualitätspotential von Podcasts genutzt.
Eine Frage, die sich mir gestellt hat, ist die der Übertragbarkeit solch eines Konzeptes auf die Hochschullehre. Könnte eine Zweiteilung in Jingles und Lerneinheiten die Nutzerakzeptanz steigern? Brauchen Studierende überhaupt motivierende Teaser oder kann man die lehrreichen Podcasts nicht einfach als “Pflichtlektüre” anordnen? Ist es mit einfachen Mitteln (semi-professioneller Ausstattung) und kleinem Budget – wie an Hochschulen üblich – überhaupt möglich, ansprechenden Content produzieren?
Von einem Hochschulprojekt zu einem professionellen Anbieter für Dienstleistungen im Bereich Bildung und Medien hat sich das learninglab entwickelt (enstanden an der Universität Duisburg-Essen, Lehrstuhl Kerres, seit Januar 2009 eine GmbH) – auch hier ist das Profil “junger Unternehmen” erkennbar: Entwicklung individueller Lösungen, mit Tendenz zu unkonventionelleren Lernmethoden, z. B. Serious Gaming als Alternative zum WBT (bzw. im Gegensatz zu vielen “Lernspielen”, die im Prinzip nur Lernprogramme mit loser Rahmenhandlung sind). Auch hier möchte man durch einen unterhaltsamen Zugang zum Lernstoff motivationale Anreize bieten – bei Serious Games eben durch die Aspekte Spiel und Interaktion. Wie der learninglab Mitarbeiter erklärten, steht z.B. beim Spielkonzept der Lernadventures die Handlung und Exploration im Vordergrund (Wissensaneignung durch Problemlösen). Klingt gut – leider gab es an dem Stand kein Demo-Spiel anzusehen.
Die Entwicklung von Serious Games am Bildungsmarkt und auch im Wissenschaftsdiskurs erscheint mir jedenfalls verfolgenswert.
Soweit einige Überlegungen, die ich vom Learntec-Besuch mitgenommen habe.


2 Kommentare zu “Eindrücke von der Learntec 2009”
Vielen Dank für den informativen Bericht. Zum Thema der audiovisuellen Lernkommunikation möchte ich anmerken, dass es – neben der bereits angesprochenen und in der Realität der Hochschullehre omnipräsenten Finanzierungsfrage – auch immer eine Frage der Zielgruppe ist, was und wie produziert wird. Außerdem neu ist das Konzept nicht. Schon in den 1990er Jahren wurden in der institutionellen Lehre und zu innerbetrieblichen Fortbildung Audio und Video verwendet, wenn auch nicht unter dem Namen Podcasts und nicht via Web und MP3-Player, sondern simpel auf CD-Rom.
Die Gründe, warum sich Podcasts in der Hochschullehre noch nicht durchgesetzt haben sind vielfältig:
Screencasts und Podcasts werden oftmals amateurhaft produziert: Aufnahmen mit Hintergrundgeräuschen, mangels geeigneter Aufnahmemöglichkeiten; Schlecht verständliche SprecherInnen; Kein “roter Faden”; die erste Aufnahme wird verwendet, trotz technischer und inhaltlicher Fehler und vieles mehr. Darüber hinaus stellen sich mir die Fragen: Möchte und kann man Lernende mit Lernmaterialien minderer Qualität motivieren? Ist der Ansatz “Podcasts als ‘Pflichtlektüre’” wirklich der richtige?
Das klingt zumindest für mich in der Rolle des Kunden (und das sind Lernende) eher demotivierend. Da greife ich dann doch lieber zum klassischen Offline-Skriptum.
Teaser und Jingles haben sich, zumindest in meinen Konzepten und Anwendungen im Hochschulbereich, in den vergangenen Jahren als sinnvoll herausgestellt. Doch leider muß oftmals auf Musik, professionelle Sprecher und qualitativ höchstwertige Aufnahmen in der Lehre aus Budgetmangel verzichtet werden. Abgesehen vom Ressourcenmangel zur Erstellung einer perfekten “theatralischen” Inszinierung. Doch in vielen Fällen lässt sich ein guter Kompromiss finden. Lernende sind von solch einem Angebot stets angetan, wie die regelmäßig stattfindenden Evaluierungen zeigen. Schlecht ankommen hingegen Materialien, die nicht mit der notwendigen Sorgfalt und Qualität erstellt wurden.
Es sei aber auch angemerkt, dass bei uns die eigentlichen Podcasts nicht(!) die gesamte Vorlesung beinhalten, sondern tatsächlich nur einen ca. 25-minütigen Zusammenschnitt. So besteht die Möglichkeit im Rahmen des mobilen Lernens die Inhalte zu wiederholen bzw. zu erkennen, bei welchen Lerninhalten noch Wissensdefizite bestehen. Diese kann man durch die Nutzung von Skripten und weiterführenden Lernmaterialien rasch wieder aufholen.
Lernen mit unterschiedlichen Sinnen. Hier ist der Mehrwert multimedialer Lernangebote zu finden!
Es kommt auf die richtige Umsetzung und Integration in das E-Learning-Konzept an. Nur ein Podcast alleine stellt noch nicht unbedingt einen Mehrwert dar. Die sinnvolle Kombination aller Medien macht es aus. Nur leider können viele solcher Vorhaben in der Hochschullehre tatsächlich nur sehr selten finanziert werden (meist durch Förderprogamme, Sponsoren oder enthusiastische ehrenamtliche MitarbeiterInnen,…). Anders sieht es bei innerbetrieblichen Weiterbildungsmaßnahmen aus. Gestützt durch hohe Qualitätsansprüche in der Kunden – Lieferanten Beziehung entstehen höchst interessante Produkte, die durch Synergien zwischen Lehre und Wirtschaft genutzt werden könn(t)en – kostengünstige Produktionen mit einem Mehrwert für beide Seiten.
geschrieben von Michael Tesar am 10. Feb, 2009
Erstmals Gratulation zu einem gelungenen Bericht über interessante Ansätze in der Erstellung von multimedialem E-Learning-Content.
Ich studiere derzeit Wirtschaftsinformatik an der Technischen Universität Wien und absolvierte in den vergangenen drei Semestern mehrere Lehrveranstaltungen mit E-Learning-Unterstützung. Obwohl ich mich nach dieser kurzen Erfahrung nicht als Experte bezeichnen würde, finde ich auch aus der Sicht eines Studierenden einige Parallelen zu den genannten Problemen oder Kritikpunkten bei der Erstellung von E-Learning-Ressourcen. Diese würde ich nun gerne anhand einiger Beispiele ausführen bzw. verdeutlichen.
Die Qualität der zur Verfügung gestellten Materialien ist tatsächlich ein sehr entscheidendes Kriterium für den Lernerfolg. Ich persönlich höre mir Podcasts/Vidcasts gerne mehrmals an – im ersten Schritt um einen Überblick über die Thematik zu bekommen und um die Kerninhalte zu verstehen, im zweiten Schritt um die Materie zu vertiefen. Wenn nun bereits am Anfang des ersten Durchlaufes qualitative Schwächen auftreten, fällt es schwer den Ausführungen weiter zuzuhören bzw. den Podcast/Vidcast ein zweites Mal zu starten.
Als konkretes Beispiel kann ich die zur Verfügung gestellten Vidcasts (ca. 40 Minuten Spielzeit) einer betriebswirtschaftlichen Lehrveranstaltung im vergangenen Semester anführen. Es handelte sich dabei um eine mit dem Microsoft Producer für PowerPoint 2002 erstellten Präsentation mit hinzugefügtem Audio-Stream. Abgesehen von einem sehr trockenen Vortragsstil wurde nach einiger Zeit der Sprecher plötzlich durch eine automatisierte Sprachsoftware ersetzt. Fremdwörter wurden nicht mehr korrekt ausgesprochen und auch die Betonung von Silben und Satzteilen war alles andere als “menschlich”. Der Gesamtablauf des Videos war durch ständige Ladevorgänge des Browsers begleitet (auch bei einer Breitband-Anbindung) und die fließende Gestaltung (Folienübergänge bzw. Themenabschnittsgliederungen) fehlte. Zeit für einen zweiten Durchlauf wollte ich in diese Materialien eigentlich nicht mehr investieren.
Ein Gegenbeispiel wiederum kann ich ebenfalls nennen. In einer Lehrveranstaltung zu informatikrelevanten Rechtsthemen waren die angebotenen Podcasts teilweise mit Moderation versehen und auch der Vortragende lieferte im Zuge der Präsentation Anekdoten oder lies die eine oder andere skurile (aber passende) Bemerkung fallen. Irgendwann wollte ich genau diese Stelle wieder finden (um einem Freund davon zu berichten) und was war das Resultat? Der gesamte Podcast lief ein weiteres Mal über mein Audiosystem und die Lerninhalte wurden weiter verfestigt.
Der Tatsache, dass ein einzelner Vidcast/Podcast noch kein E-Learning ist, kann ich nur zustimmen. Eine Lehrveranstaltung im Modellierungsbereich erweiterte die zahlreichen Skripten, Folien und Buchausschnitte, die im korrespondierenden Kursabschnitt vorhanden waren, um ein einziges Schulungsvideo zu einem Modellierungstool. Obwohl dieses Tool für die Modellierung der gesamten Übungsaufgaben verwendet wurde, griffen nur wenige Studierende auf das Lernvideo zurück. Wir bevorzugten die ausführlichen und qualitativ hochwertigen Skripten – griffen also zum guten, alten Offline-Material.
Soweit meine persönlichen Erfahrungen aus verschiedenen E-Learning-Angeboten, welche die genannten Qualitätsprobleme ziemlich eindeutig belegen. Wie diese jedoch mit dem knappen Budget der öffentlichen Hand behoben werden sollen, steht wohl derzeit in den Sternen.
Abschließend soll gesagt sein, dass ich selbst bereits ein wenig Erfahrungen im Videoschnitt sammeln durfte und das Ergebnis nicht nur von der Vortragskompetenz des Sprechers abhängt, sondern auch technische Ausstattung und viel Geduld bei anfänglichen Fehlern und zahlreichen Aufnahmedurchläufen abverlangt werden. Somit gilt mein Respekt allen, die laufend Online-Materialen dieser Art produzieren, denn nur ein teures Headset und ein Quad-Core-Prozessor zum Video-Rendering machen noch keinen guten Vidcast.
geschrieben von Thomas Hainzel am 11. Feb, 2009