Moodle: Jahre sind nicht genug…

22. Februar 2009 – 21:10 von Michael Tesar

Inspiriert von einem aktuellen Beitrag von Maik Riecken und einem “Antwort”-Beitrag von Ralf Hilgenstock soll die Diskussion weitergeführt werden:

Verändert Moodle wirklich die Lehre oder besser: Wozu überhaupt Moodle?

Einige Jahre Einsatz von Moodle in den unterschiedlichsten Szenarien hinterlassen nicht nur Spuren in der eigenen Herangehensweise an E-Learning-Projekte, sondern bieten auch Gelegenheit, ähnlich wie Maik Riecken, eine Zwischenbilanz zu ziehen.

Die zentralen Fragen, die sich Maik dabei stellt, sind nicht einfach zu beantworten:

  • Wofür halte ich mittlerweile Moodle?
  • Was sehe ich an Moodle kritisch?

Moodle ist ein Werkzeug. Nicht mehr und nicht weniger. Moodle alleine kann nichts verändern, kann keine didaktischen Konzepte umkrempeln und kann schon gar nicht die Lehre von Grund auf revolutionieren. Moodle kann unterstützen und manche Tätigkeit im Lehralltag erleichtern.

Um mit Moodle wirklich Erfolge feiern zu können, bedarf es mehr als ein einfacher Einsatz als Content-Managment-System oder Diskussions-Plattform. Die Kreativität der Lehrenden ist gefragt, aufbauend auf ein grundlegendes Verständnis der Basiskonzepte von Moodle, u.a. Konstruktivismus. Wie Maik Riecken völlig richtig ausführt, wird in vielen Fällen Moodle nur zur Abbildung der Realität in einer virtuellen Welt genutzt. Schade. Moodle kann mehr, wenn man möchte und kann.

An Moodle selbst ist sicher einiges kritisch zu hinterfragen, jedoch muss auch hervorgehoben  werden, dass sich in den letzten Versionen zahlreiche Verbesserungen eingefunden haben und viele (kreative) Möglichkeiten zur Nutzung eröffnet werden.

Vielmehr kritisch zu hinterfragen ist der Einsatz von Moodle an sich. Um Moodle effektiv zu nutzen sollte eine gute Synthese zwischen fachlich versierten Systembetreuern (Administratoren), E-Learning-Spezialisten (Medienkompetenten) und den eigentlichen Lehrenden bestehen. So kann sich jeder Beteiligte auf das konzentrieren, was er am besten kann, und gemeinsam mit den anderen ein Ziel verfolgen. Leider zeigt die Realität, dass in vielen Bereichen Moodle von einzelnen Enthusiasten betrieben wird (was auch keinesfalls als schlecht zu sehen ist, bitte nicht falsch verstehen), jedoch kann so in den seltensten Fällen das Potenzial von Moodle auch nur annähernd ausgeschöpft werden. Werden diese Umstände wirklich immer nur durch finanzielle Probleme oder nicht auch durch zu starre und traditionelle Lehrmethoden herbeigeführt, die keinen innovativen Einsatz von Medien erlauben? Wahrscheinlich spielen beide Punkte eine Rolle, nur mit welcher jeweiligen Gewichtung?

Einzelkämpfer statt Teamarbeit. Ist dieses Handeln heute noch zeitgemäß? In einer Welt, die von immer mehr Informationen getrieben wird, begleitet von einem technologischen Fortschritt, den viele gar nicht mehr wahrnehmen können… Man kann nicht alleine alles wissen. Unmöglich. Das kollektive Wissen ist gefragt. Moodle kann – richtig eingesetzt – hierzu einen wertvollen Beitrag leisten.

Das kollektive Wissen ist letztendlich auch das, worauf m.E. Moodle baut: die Moodle-Community. Ein Open Source Produkt mit derzeit ca. 28 Mio. Nutzern (hierbei handelt es sich “nur” um die registrierten Moodle-Seiten) und einer großen Community. Jedoch wenn man sich die Statistiken ansieht, fragt man sich, wo der Großteil der Community zu suchen ist?! Selbst wenn es “nur” 1,8 Mio. Moodle-Lehrende oder Personen mit der entsprechenden Rollenzuordnung gibt, ist das eine beinah unvorstellbare Menge. Die Moodle-Community zählt zur Zeit “gerade mal” knapp 630 000 registrierte User. Und von denen ist wieder nur ein geringer Anteil in den Foren von moodle.org aktiv oder helfen bei der Programmierung / Weiterentwicklung (in welcher Form auch immer). Und der Rest?

Die Moodle-Community wäre und ist eines von etlichen guten Beispielen für kollaboratives selbstgesteuertes Lernen. Daran sollte jeder Moodle-Nutzer teilnehmen, um selbst zu erfahren, wie so etwas aussehen und wie gegenseitige Hilfestellung zum Erfolg führen kann.

Weiterhin kritisch angemerkt werden muss, dass viele E-Learning-Verantwortliche an (Hoch)Schulen keinen Unterschied zwischen Open Source und gratis sehen oder ihn womöglich gar nicht kennen (Das ist aber ein generelles Problem, mit dem fast alle Open Source Projekte zu kämpfen haben). Open Source kann nur dadurch erfolgreich sein, wenn jeder, der von dem Produkt profitiert, auch seinen Anteil wieder an die Community zurück gibt – in welcher Form auch immer. Wenn aber der “Rücklauf” zu gering ist, muss das Projekt anderweitig am Leben erhalten, finanziert werden, sei es durch Spenden oder eben kommerzielle Unterstützung, wie im Falle von Moodle durch die Moodle-Partner.

“Die weitere Entwicklung von Moodle ist mir noch zu ungewiss. Innerhalb der Moodlecommunity verschränken sich für mich wirtschaftliche und ideelle Kräfte ohne klare Trennung wie in anderen OpenSource-Projekten üblich, sodass ich noch viel weniger als sonst weiß, wer von freiem Content wirklich profitiert.” Maik Riecken

Aber vielleicht macht es gerade diese Mischung aus: Ein Open Source Projekt, welches technisch ansprechend betreut wird, und Lehrende, die sich gestützt auf eine bewährte Plattform, auf ihre Hauptaufgaben, das Lehren und Content-Erstellen, konzentrieren können!? Open Content ist auf jeden Fall wünschenswert und profitieren können davon alle Lehrenden.  Leider sind nur die wenigsten Lehrenden bereit, ihre Materialien anderen zu überlassen, aus welchen Gründen auch immer. Innerhalb der Institution ist das manchmal sogar schon ein Problem. Hier bedarf es wohl noch einiges an Überzeugungsarbeit…

Und wenn man dann auch noch versucht, Content und Kurse über geographische Grenzen hinweg zu tauschen, wird es ein beinahe unmögliches Unterfangen, aber es gibt doch Hoffnung, zumindest Peter Sereinigg und einige andere sind bereit, es zu versuchen. Vielleicht gelingt es (uns) doch hier, etwas zu bewegen. Wer es nicht versucht, kann es auch nicht schaffen.

Mein persönliches Zwischen-Resümee mit Moodle?

Auch eine jahrelange Nutzung von Moodle ist nicht ausreichend, um behaupten zu können, man hat alle Facetten des Systems kennengelernt und man hat jedes beliebige Anwendungsszenario durchgespielt. Die Erfahrung ist jedoch ausreichend, um festzustellen, wie Moodle falsch eingesetzt werden kann.

Nur PPT-Folien zum Download in Moodle zur Verfügung zu stellen, hat absolut nichts mit selbstbestimmten Lernen zu tun. Das kann mit jeder beliebigen Webseite (auch mit Zugangsbeschränkungen) realisiert werden, dafür braucht es kein komplexes Werkzeug wie Moodle. Und sicher ist es auch zu wenig nur Tests zur (Wissens-)Überprüfung zur Verfügung zu stellen, denn auch das hat (fast) nichts mit selbstgesteuertem Lernen zu tun.

Lernende ihr Wissen selbst generieren zu lassen, idealerweise kollaborativ, hierin ist eine Stärke von Moodle zu sehen – und da gibt es immer wieder Neues zu entdecken. Dazu müssen aber Lehrende zu einer Rollenänderung bereit sein: weg vom reinen Lehrenden hin zu einem Trainer und Moderator, der bei der Erarbeitung von Wissen unterstützt.

Und: Das Wichtigste ist die richtige Motivation der Lernenden, denn die besten Konzepte nützen nichts, wenn keiner partizipiert.

In diesem Sinne, auf weitere Jahre mit Moodle!

  1. 3 Kommentare zu “Moodle: Jahre sind nicht genug…”

  2. Hallo!
    Es ist immer noch faszinierend diese Rückblenden zu vollführen. Hier mal einer aus meiner Sicht. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit – rein Subjektiv!
    Seit etwa Feb.2000 beschäftige ich mich mit eLearning. Damals noch in Form komplexer CBT als CD-ROM im Umfeld eines großen deutschen Automobilherstellers.
    Das war ‘Selbstlernen’… Kiste an – CD rein und Filme gucken, Tests machen und Übungen absolvieren. Alleine, im flimmernden Licht des guten alten Röhrenmonitors.

    Erste Online-Lernplattformen spielten mit den USPs: Rollen-, Rechtekonzept, SCORM/AICC und schneller, gegliederter Zugriff auf mögliche Lernmedien. Kommunikation? Naja – es gibt ein Forum…. Chatten kann man glaub ich auch – aber ist das sicher?!

    Gutes eLearning = guter, teurer Content, am besten als WBT, weil ja das Internet die Zukunft ist… Achtung, wir sind im Jahr 2002 und die Lernplattformhersteller beschäftigen sich mit technischen Problemen und Performancefragen…. Didaktik? Nein, das muss der Content leisten!

    Computer in der Schule? Ja, da gibt es einen Raum – der Kollege hat wenig Zeit, ist aber dabei alles zu installieren…. Mal sehen…

    Schulen ans Netz! Klasse! Computer für alle, HER DAMIT! Und dann?

    Die Verlage wagen sich, unter dem Schirm der Ministerien, in ein neues Absatzfeld vor. Pilotprojekte! Sekt oder Selgo…
    Lehrer sollen Content erstellen! Wer hat Zeit?

    Was ist eigentlich Content? Und eLearning? Lernwilligen Zugriff auf digitale Medien verschaffen und kontrollieren ob sie das Angebot wahrnehmen – bzw. wie oft? Wird dieses Konzept funktionieren wenn nur der Content gut genug ist? Oder die Lernplattform?

    Online lernen? Mit Schülern gemeinsam im Internet surfen soll Unterricht sein?

    Ahh – endlich gibt es gute ‘Autorenwerkzeuge’ Hot Potatoes, kostenlose HTML Editoren, teachtool und so weiter. Jetzt gehts los!

    moodle! Das ist der Durchbruch! Kommunikationswerkzeuge, tolle Möglichkeiten eigene, komplette Kurse bauen, Material hochladen und Aufgaben erstellen. Genial!

    Blended Learning! Das ist es! Was ist das eigentlich?
    Ach ja – kann moodle das auch?

    Wieso ist mein moodle eigentlich so häßlich? Die Installation war doch so einfach. Facebook und StudyVZ sind besser gestylt, deshalb machen die Schüler begeistert mit….
    Web 2.0 Germany’s next Topteacher?

    Wie kriege ich denn nun unser Schul-Logo in mein moodle? Kann ich damit nicht auch unsere Schul-Homepage bauen? Wieso kann ich den jetzt dieses Bild nicht hochladen?

    Wo kann ich lernen ein guter Online-Tutor zu sein? Ich habe Ideen, das Werkzeug… aber meine Schüler sind nicht sehr motiviert…

    Mein moodle läuft. Die Kollegen waren begeistert – und jetzt? Wer erstellt guten Content! Der soll interaktiv sein, mit Sound und Videos! Aber die Rechte… Darf ich das einfach herunterladen? Kopieren?

    …. ungefähr hier sind wir heute. Frustrierend oder? Diese Dinge scheinen frei erfunden zu sein – es ist aber die Praxis und tägliches Geschäft (gewesen).

    Die Welt bewegt sich in diesem Sektor sehr ruckelig, da kann einem schon mal schlecht werden. Trotzdem bin ich der festen Überzeugung mit moodle auf ‘das richtige Pferd’ gesetzt zu haben. Es gibt aktuell Entwicklungen die mich da noch mehr froh machen mit moodle zu arbeiten. Nur ab und zu der Blick zurück… dann sieht man wieder wo man steht und mit welchen, heute scheinbar sinnfreien Fragen, man sich mal beschäftigt hat.

    Liebe Grüße!
    TS

    geschrieben von Thomas Schmidt am 10. Mrz, 2009

  3. Ach, wie sprecht ihr mir doch aus dem Herzen !!! Und bei Thomas’ Beitrag kann ich JEDE ZEILE unterschreiben. Mir geht es (schon mindestens genauso lange) ganz genau so und die Sprüche und Vermeidungsstrategien und Bremsklötze kommen mir auch bekannt vor. Nein, moodle verbessert unseren Unterricht natürlich nicht automatisch und die Moodle Kurse sind in der Regel auch ein Abbild des normalen Unterrichts der Lehrer. Das Problem ist nur, dass wir da sehr behutsam vorgehen müssen, denn eigentlcih müssen die Lehr-und Lernmethoden erstmal geändert werden und das Rollenverständnis der Lehrer. Und das ist viel schwerer zu bewerkstelligen als einen Moodle Kurs zu erstellen! Wir können nur kleinschrittig vorgehen, um in kleinen Häppchen diese Veränderungen mit den Kooperations- und Kommunikationstools von Moodle in Gang zu setzen und zu hoffen, dass es langsam zu einer Umstellung kommt, weil die Lehrer merken, dass Unterricht auf einmal viel mehr Spaß machen kann – und die Schüler sowieso… also .. in diesem Sinne: Beispiele geben, vorleben , durchhalten!Schön, wenn man ein Netzwerk hat, wo der Austausch und die Zusammenarbeit so wunderbar unktionieren. Dafür an dieser Stelle mal ein herzliches Dankeschön!
    Bis nächste Woche in Bamberg auf der MoodleMoot!
    SIgi

    geschrieben von Sigi am 13. Mrz, 2009

  4. Lieber Thomas, liebe Sigi,

    vielen Dank für eure Kommentare. Es wird immer deutlicher, dass e-Learning nicht nur dadurch besteht, Dateien online zur Verfügung zu stellen (hat e-Learning jemals daraus bestanden? Wurde es nicht dazu “degradiert”?), sondern auch der aktive Part der Teilnehmenden eingefordert werden sollte. Doch dazu bedarf es wahrlich weitreichenden Änderungen, die allerdings wirklich nur Schritt für Schritt und behutsam durchgeführt werden müssen.

    Würde mich freuen, wenn wir uns auf der Moodlemoot treffen und weiterdiskutieren!

    geschrieben von Michael Tesar am 18. Mrz, 2009

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