E-Learning an Hochschulen: Eine Drei-Klassen-Gesellschaft?
1. September 2009 – 18:40 von Thomas HainzelE-Learning ist ein Thema, das an vielen Hochschulen mehr oder weniger intensiv betrieben wird. Auch die Technische Universität Wien verfolgt bereits seit über drei Jahren zahlreiche E-Learning-Initiativen. Seit Juni 2006 betreibt das E-Learning-Zentrum, eine zentrale Einrichtigung der TU, eine moodlebasierte E-Learning-Plattform. Rund 20.000 Studierende und 3.700 Universitätsangestellte (Stand: WS 2008/09) haben derzeit Zugriff auf ca. 700 verschiedene E-Learning-Kurse (Stand: 31.08.2009) aus acht fakultären Bereichen.
So unterschiedlich diese Studienrichtungen in ihren Inhalten sind, so verschieden gestalten sich auch dessen E-Learning-Angebote. Einige dieser durfte ich in den letzten vier Semestern meines Studiums erforschen und habe sowohl gute als auch schlechte Erfahrungen gemacht. Mein Wunsch war das Gegenüberstellen bzw. Vergleichen dieser Online-Kurse, welches mich zur Bildung von “E-Learning-Kategorien” motivierte. Diese Klassifizierung ist denkbar einfach und kann auf folgenden drei Ebenen erfolgen:
- E-Learning als Filesharing
- E-Learning als Lehrveranstaltungsmanagement
- E-Learning als dynamische, interaktive Lernmöglichkeit
Die Bezeichnung “Drei-Klassen-Gesellschaft” soll weiters verdeutlichen, dass diese Strukturierung nicht nur auf inhaltiche Aspekte zurückzuführen ist. Neben unterschiedlichen Zielgruppen spielt auch der Zeitaufwand der Kurserstellung/Kursbetreuung sowie die Wertigkeit des gesamten E-Learning-Angebots an einer Hochschule eine zentrale Rolle.
Werfen wir nun einen genaueren Blick auf die einzelnen Klassen an E-Learning-Angeboten:
1. E-Learning als Filesharing
Die erste und einfachste Form des E-Learnings ist das simple Zurverfügungstellen von Online-Ressourcen jeglicher Art. Überwiegend werden dafür Adobe Acrobat Dateien (PDF-Files) verwendet, die Vorlesungsfolien, Skiptenauszüge oder Übungsangaben beinhalten aber auch gezippte Angaberessourcen oder kurze Informationsseiten finden sich wieder.
Streng genommen kann hier nicht von “E-Learning” gesprochen werden, da keinerlei Interaktion betreffend des Lernfortschrittes erfolgt. Das E-Learning-System wird als reiner Dateiserver “missbraucht” und die meisten E-Learning-Features (etwa Online-Tests oder Abgabemöglichkeiten) bleiben ungenutzt. Auch die Kommunikation zwischen Studierenden und Lehrenden erfolgt nicht systemintegriert – Nachrichtenforen werden nicht verwendet, normale Foren erst gar nicht eingerichtet.
Diese genannten Charakteristika sind üblicherweise einer bestimmten Art an Lehrveranstaltungen zuzuweisen. Vor allem reine Vorlesungen (d.h. Lehrveranstaltungen ohne praktischem Übungsteil oder Zwischenprüfungen innerhalb des Semesters) weisen diese Struktur auf, da lediglich Lerninhalt zum Download angeboten wird und am Semesterende eine Abschlussprüfung stattfindet. Leider finden sich solche Online-Kurse auch in Übungen wieder, die im Rahmen von Präsenzveranstaltungen abgewickelt werden – lediglich Übungsangaben werden hier online bereitgestellt.
Interessanterweise kann auch eine Korrelation dieses E-Learning-Typs mit den Vortragenden festgestellt werden. Wenn die Lehrveranstaltungsleitung sich nicht selbst mit der Betreuung des E-Learning-Systems beschäftigt (sei es aus zeitlichen, organisatorischen oder gesellschaftlichen Gründen), wird diese oft an Assistenten oder Sekretariatsmitarbeiter weitergegeben. Diese haben dann zahlreiche Online-Kurse zu betreuen und daher nicht die Zeit ein umfassenderes Angebot zu erstellen. Hier spielt wieder einmal der Aufwands- bzw. Zeitfaktor für die E-Learning-Betreuung eine zentrale Rolle – diese wurde bereits mehrfach in diesem Blog angesprochen.
Für Studierende bietet sich der Vorteil einer übersichtlichen Download-Webseite, die zwar wenig zur Individualitätsförderung beiträgt, jedoch rasch und strukturiert zur gewünschten Information führt.
2. E-Learning als Lehrveranstaltungsmanagement
Etwas umfangreicher versprechen die Online-Angebote der zweiten Kategorie zu sein. Während im ersten Fall lediglich Dateien zum Download angeboten wurden, erweitern sich die Funktionalitäten des E-Learning-Systems hier um Online-Tests, Online-Aufgabenabgabe sowie die Kommunikation über Foren und Feedbackmeldungen. Der komplette Lehrveranstaltungsablauf wird über das E-Learning-System koordiniert – daher “E-Learning als Lehrveranstaltungsmanagement”.
Charakteristisch für solche Szenarien sind vor allem kombinierte Lehrveranstaltungen, die aus einer Vorlesungkomponente und einer Übungskomponente bestehen. Während für erstere überwiegend Print-Ressourcen angeboten werden, wird die Übung teilweise oder vollständig über das System abgewickelt. Dies kann von der simplen Abgabe der Übungsaufgaben bis zur Reservierung von Abgabegesprächsterminen reichen.
Da es in den Informatik-Studienrichtungen zahlreiche kombinierte Lehrveranstaltungen gibt, existiert eine Vielzahl solcher E-Learning-Kurse. Besonders die Administration von großen Teilnehmerzahlen (300+ Studierende) lässt sich mit vertretbarem Aufwand realisieren und stellt ausreichende Supportmöglichkeiten für die Teilnehmer bereit.
3. E-Learning als dynamische, interaktive Lernmöglichkeit
Einzelne Lehrveranstaltungsleiter weiten das oben beschriebene Online-Portal weiter aus und bieten neben den üblichen Print- und Abgaberessourcen zusätzliches Online-Material an. Individuelle Podcasts/Vidcasts zu den Themenbereichen, freiwillige Übungsbeispiele und Bonusaufgaben oder quiz-ähnliche Rätsel als Reise durch das Fachgebiet seien hier nur als Beispiele genannt. Abgerundet werden diese E-Learning-Kurse meistens durch topaktuelle News, gepflegte Kalender (Vorlesungstermine, Gastvorträge usw.) sowie das laufende Hinzufügen neuer Materialien.
Studierende sind nun nicht mehr nur an das verpflichtende Lernangebot gebunden, sondern können je nach Lernfortschritt ihr Wisssen ergänzen und die bereitgestellten Ressourcen optimal ausnutzen. E-Learning wird hier sehr intensiv praktiziert und kann als dynamische, interaktive Lernmöglichkeit angesehen werden.
Für die Kursbetreuung bedeuten solche Online-Portale einen erheblichen Mehraufwand im Vergleich zu einfacheren E-Learning-Kursen. Es ist jedoch für eine individuelle Entwicklung der Lernenden gesorgt und durch die laufende Kursbearbeitung bleibt das Online-Material hoffentlich einigermaßen aktuell.
Leider gibt es an der Technischen Universität Wien nur einige wenige Lehrveranstaltungen, die ein solches Online-Angebot bereitstellen. Nicht zuletzt sind auch die begrenzten Ressourcen der Institute und des Universitätsbudgets dafür verantwortlich. Positiv anzumerken ist, dass es trotzdem einige aufopferungsvolle Mitarbeiter, Tutoren und Studenten gibt, die versuchen ein möglichst attraktives Lernmedium in Form von “Klasse-3-E-Learning-Kursen” zur Verfügung zu stellen.
Die oben vorgenommene Kategorisierung kann sicher nicht als vollkommen angesehen werden und auch eine eindeutige Klassifizierung jeder Lehrveranstaltung ist aus meiner Sicht nicht oder nur sehr schwer möglich. Weiters kann auch keine Kategorie als gut oder schlecht angesehen werden, da es sowohl von der Zielgruppe als auch vom Inhalt der jeweiligen Lehrveranstaltung abhängt, welches E-Learning-Szenario am besten geeignet scheint.
Trotzdem ergibt sich daraus ein Einblick, wie E-Learning im heutigen Hochschulbetrieb eingesetzt wird und wo Probleme bzw. Konfliktpunkte liegen. Es ist offensichtlich, dass die aktuelle Situation einiger Verbesserungen bedarf, jedoch kann nicht verschwiegen werden, dass diese mit intensiven Aufwänden auf unterschiedlichen Ebenen verbunden sind. Dieser Artikel soll daher zur Diskussion und zur Ideensammlung zum Thema “E-Learning an Hochschulen: Eine Drei-Klassen-Gesellschaft?” anregen.
Ich bin gespannt, wie sich diese Drei-Klassen-Gesellschaft in der Zukunft weiterentwickelt und ob wir uns in einigen Jahren über ein teures, betreuungsaufwändiges, dafür aber reichhaltiges E-Learning-Angebot freuen dürfen, welches sich nicht durch simples Filehosting auszeichnet.

7 Kommentare zu “E-Learning an Hochschulen: Eine Drei-Klassen-Gesellschaft?”
Das klingt schon interessant.
Gibt es konkretere Studien zum E-Learning-Einsatz je nach Fachbereich an der TU Wien?
geschrieben von Nadine Kämper am 08. Sep, 2009
Eine konkrete Studie zum E-Learning-Einsatz in den Fachbereichen der Technischen Universität Wien ist mir nicht bekannt. Mein Beitrag entstand eher aus dem Studienalltag, der mir das oben beschriebene Bild vermittelte.
Es gibt einige Forschungs- bzw. Kooperationsprojekte unseres E-Learning-Zentrums (siehe http://elearning.tuwien.ac.at/ ). Auf der Homepage finden sich unter dem Menüpunkt “Projekte” einige Beispiele.
geschrieben von Thomas Hainzel am 10. Sep, 2009
Ich finde den Versuch der Einteilung gut. Die Klasse-1 Szenarien sind leider diejenigen, mit denen sich fast alle Universitäten brüsten und der Außenwelt mitteilen, sie machten E-Learning.
Als Betreiber einer Klasse3 (und mehr) E-Learning Plattform, dem Virtual Linguistics Campus (www.linguistics-online.com) entwickele ich zusammen mit meinem Team seit 2002 modularisierte E-Learning Angebote alskomplette Kurse zum Thema “English and General Linguistics”. Wir konnten dadurch unser eigenes Lehrangebot und das anderer Unis erweitern, den Personalaufwand reduzieren und die Studierenden mit Online-Lernszenarien aller Art versorgen. Mittlerweile ist jeder Kurs bei uns als online-Kurs möglich.
Unsere Definition von E-Learning:
Die computergestützte Vermittlung und
Erschließung von Inhalten über das Internet unter Zuhilfenahme einer geeigneten Lernplattform.
Das schließt Klasse1 und Klasse2 Szenarien komplett aus.
Schauen Sie einmal in den VLC und laden Sie sich das E-Learning Konzept von der Homepage.
J.Handke
geschrieben von Jürgen Handke am 14. Sep, 2009
Um die Klasse 1 Angebote noch etwas “schärfer” zu definieren, etabliert sich immer mehr der Begriff der “PDF-Schleuder” (eines der Buzz-Words hier auf der E-Learning 2009 in Berlin)… Leider ist das wahrlich an vielen Hochschulen aber auch Unternehmen zu beobachten – dafür ist kein komplexes Lernmanagementsystem von Nöten. Eine einfach wartbare HTML-Seite täte es auch.
geschrieben von Michael Tesar am 16. Sep, 2009