E-Learning 2009 in Berlin

18. September 2009 – 13:23 von Michael Tesar

Erstmals sind heuer zwei Konferenzen und eine Veranstaltung zusammengelegt unter dem Dach der “E-Learning 2009″:  Die 14. Europäische Jahrestagung der Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft, die 7. e-Learning Fachtagung Informatik der Gesellschaft für Informatik und die 10. Verleihung des mediendidaktischen Hochschulpreises Medida-Prix. Diese Tatsache soll sich nicht zum Nachteil des Publikums erweisen, wie das durchaus sehr interessante und umfangreiche Programm beweist. Da ist es wahrlich schwierig sich aus den bis zu 6 parallel stattfindenden Vorträgen die spannendsten heraus zu suchen.

Die Vielzahl an Beiträgen, die ich besucht habe hier zusammenzufassen würden den Rahmen sprengen; Ich möchte jedoch durchaus den ein oder anderen Gedanken / Impressionen anführen:

Nach der Abwrackprämie kommt die Notebookprämie. Nicht um die IT-Industrie zu stützen, sondern um allen SchülerInnen und Studierenden die Möglichkeit zu bieten, mit modernen und zeitgemäßen Medien am Unterricht zu partizipieren. Auf www.notebookpraemie.de sollen in Kürze weitere Informationen zu dem von der FU Berlin initiierten Aktion verfügbar sein – man darf gespannt sein.

Ein zentrales Thema der Konferenz war sicher, in wie weit Social-Networks als Wissensressource betrachtet werden können bzw. zum Einsatz kommen. Das am häufigsten gebrauchte Beispiel für weitere Web 2.0 Anwendungen war die Wikipedia, die in fast keiner Keynote fehlen durfte. Durchaus beeindruckend ist der Werdegang des Projektes und die Vielzahl der Artikel übersteigt jede Enzyklopädie. Somit stellt die Wikipedia sicher eine sehr umfangreiche Wissensressource dar. Doch muss auch leider an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass gerade die neuen Medien, wie das Internet, sehr verleiten, fremdes geistiges Eigentum als eigenes auszugeben. Entsprechende Hinweise darauf habe ich vermisst, ist doch gerade diese Thematik eine leider vorhandene Begleiterscheinung, die nicht ignoriert werden darf.

Sicher sehr spannend waren die Aussichten auf den Hörsaal der Zukunft, wenn Tafeln durch große, wenn nicht sogar riesen Displays (OLED) ersetzt werden. Die Interaktionsmöglichkeiten sind sehr interessant und viel versprechend, wobei ich – trotz Technikerwurzeln – etwas skeptisch bin, ob denn dies dann so funktionieren wird, wie wir uns es heute erträumen lassen… Wenn ich nur denke, wie viel wir alle heute noch mit Konnektivitätsproblemen von Notebooks und Beamern  kämpfen, wünsche ich mir, dass wir zuerst dieses Problem in den Griff bekommen sollten… Den auch in Zukunft müssen die Inhalte irgendwie auf die Displays geliefert werden.

Inwieweit personalisierte Vorlesungsunterlagen zu begrüßen sind, bin ich mir noch nicht im Klaren. Ob nicht dadurch Studierende das Gefühl bekommen, dass ihr Lernfortschritt aktiver kontrolliert wird? Klar, dass das mit den bereits zur Verfügung stehenden Techniken leicht realisierbar wäre, aber die Frage ist, welche Emotionen das bei den EndanwenderInnen, den Studierenden, auslöst…

Ebenso häufig war zu hören, dass es deutlich mehr Kommunikation miteinander geben muss. Damit sind nicht nur die Lehrenden untereinander, sondern auch die Lehrenden mit den Studierenden gemeint. Gerade durch die oftmals große örtliche Distanz zwischen Lernenden und Lehrenden, gehen viele informelle Inhalte verloren, die in der Vergangenheit ein Gefühl von Sicherheit und guter Planung vermittelt haben.

“Von der Distribution zur Reflexion und Kollaboration”, das könnte durchaus die Zukunft des e-Learnings bedeuten, wie im Vortrag von Ulf-Daniel Ehlers et al. zu hören war. Dazu passend und einen Bogen spannend fand ich den Twitter Beitrag von Prof. Weber-Wulff zur Podiumsdiskussion am Schluss: “Content != Learning”.

Ein weiterer Beitrag, der mein Interesse geweckt hat und viel interessanten Input für weitere Aktivitäten in meinen Projekten geliefert hat und noch liefern wird, war das “Projekt „Teamtermin“: Maßnahmen gegen Abbrecherquoten und Stresssymptome”. Ähnliche Probleme sind in vielen Studiengängen und Hochschulen zu finden und hier werden gute Ansätze gezeigt, wie man diesen entgegen wirken kann.

Rolf Schulmeister lies mit vier Thesen aufhorchen, die auch zum Teil via Twitter kommentiert wurden. Gerade in Verbindung mit den zuvor schon angesprochenen Social Networks, passt seine erste These:

“Lernen ist in der subjektiven Wahrnehmung der Studierenden etwas Anderes als das soziale Alltagsmanagement der Freundschaften.” – Wie wahr. Daher ist auch genau zu überlegen, inwieweit die Lehre sich mit e-Learning-Aktivitäten und Web 2.0 Anwendungen in die “Privatsphäre” der Studierenden vor wagen soll: Stichwort Lehrkoordination via Facebook o.ä.

These 2 konnte ich leider nicht vollständig mitschreiben – vielleicht kann mir jemand diese nachreichen? Danke.

These 3: “Möglicherweise sind Web 2.0 Methoden in institutionellen Kontexten überhaupt nicht für das formale Lernen geeignet.” – Eine provokante These, die doch sehr zum Nachdenken anregt, ging es doch drei Tage lang um nichts anderes als E-Learning in Verbindung mit Web 2.0.

These 4: “Wir brauchen Lernphasen, in denen um des Lernens willen gelernt werden kann und in denen keine Bewertung stattfindet.” – Stimmt. Der Druck für beide Seiten (Lehrende und Studierende) Noten zu geben muss meiner Meinung nach gesenkt werden und es gehört mehr Freiraum geschaffen für eine aktivere Auseinandersetzung mit den Lehrinhalten, in der auch Fehler gemacht werden dürfen. Denn bekanntlich lernt man aus Fehlern.

Passend zur letzten These beschäftigten sich Michael Striewe und Michael Goedicke mit “Effekte[n] automatischer Bewertungen für Programmieraufgaben in Übungs- und Prüfungssituationen”. Diese Thematik ist gerade für uns Informatiker von großem Interesse, wird doch oftmals versucht so Zeit in der Korrektur von Aufgaben zu sparen. Die zentrale Aussage, die ich für mich mitgenommen habe: Bewertungen alleine sind zu wenig, Erklärungen werden gewünscht bzw. beinahe schon gefordert. Und um automatisiert zielgerichtete Erklärungen zu geben, bedarf es schon eines sehr komplexen Systems.

Am letzten Tag wurde viel über die Trends und Zukunftsaussichten der Hochschullehre 2.0 diskutiert, wobei gleich zwei Schlagworte dominierten: Einfachheit und Kooperation. Alles was einfach ist wird gerne bedient oder genutzt. Software, die über eine gute und einfache Usability verfügt ebenso, wie Lernangebote, die klar strukturiert und deren Sinn sowie Ziel bekannt sind. Auch müssen Konzepte entwickelt werden, die eine Kooperation und ein gewinnbringendes Miteinander der Studierenden fördern, nicht immer eine leichte Herausforderung.

Als Vorteil sehe ich die gemeinsame Abhaltung der beiden Konferenzen. So war es nun für viele möglich zwischen den Vorträgen der beiden Tagungen zu wechseln und sich neben der Didaktik auch einmal mit der Technik zu beschäftigen und vice versa. Ein gelungener Versuch aus meiner Sicht, dessen Fortsetzung wünschenswert ist.

Der Medida-Prix ging heuer nach Bremen und Zürich: Das Projekt “eAssessment” der Uni Bremen (einer meiner beiden Favoriten) und das Projekt “DOIT – Dermatology Online with Interactive Technology“ der Uni Zürich konnten die Jury überzeugen und beide dürfen sich über je 50.000 EUR Projektmittel freuen. Herzliche Gratulation. Weitere Informationen dazu sind auf der Tagungswebseite oder auch auf e-teaching.org, einem der Vorjahresgewinner-Projekte, verfügbar.

Joachim Wedekind fast ganz gut die Eindrücke zur TwitterWall zusammen, die auf der Tagung vorhanden war. Ich muss zugeben, gerade bei der Podiumsdiskussion musste ich doch dem Getwittere am Notebook folgen – die Anzeige der Twittereinträge auf der Konferenzleinwand war leider viel zu klein und die Kommentare aber durchaus gut und inspirierend.

Als sehr hilfreich und sicher in der Praxis gut brauchbar (Ein PDF ist leicht mitgenommen und gut durchsuchbar) erweist sich der Open Access Gedanke der Tagung: Beide Tagungsbände sind via Open Access verfügbar: Tagungsband der GMW (Link folgt) und Tagungsband der Delfi.

Und trotz Twitter, Blogs und sonstigen virtuellen Communities, oder wahrscheinlich gerade deswegen, finde ich es toll, all die Menschen persönlich zu Treffen, mit denen man unter dem Jahr E-Mails austauscht oder Skype-Gespräche führt. Es geht doch nichts über ein Face-To-Face Treffen :-) Und dies spätestens bei der GMW 2010 in Zürich oder der Delfi 2010 in Duisburg.

PS: Weitere Beiträge zur Konferenz sind u.a. zu finden bei: Gabi Reinmann, Michael Kerres, Mandy Schiefner,

  1. 3 Kommentare zu “E-Learning 2009 in Berlin”

  2. Vielen Dank für die Zusammenfassung dieser interessanten Ereignisse auf der E-Learning 2009 in Berlin. Als aktiver Student und “Web 2.0 Teilnehmer” sind für mich einige Aspekte dabei, die ich sehr gut nachvollziehen kann.

    Das korrekte Zitieren aus Online-Quellen (sei es nun die Wikipedia, ein privates Blog oder die im Beitrag genannten Social Networks) ist für mich seit Beginn des Studiums eine zwielichtige Materie – beginnend mit der Verwendung autorisierter/nicht autorisierter Quellen. Bei der heute vorhandenen Informationsvielfalt ist es nicht immer leicht die Qualität bzw. Seriösität einer Online-Quelle zu bestimmen. Banale Kurzpostings (in Blogs oder über Twitter) können sowohl qualitativ hochwertigen Inhalt (vgl. Zitate im Beitrag oben) aber auch unseriösen/verwirrenden Charakter aufweisen.

    Erschwerend kommt hinzu, dass oftmals Pseudonyme als Autorenkennzeichnungen verwendet werden oder plagiierte Inhalte auf mehreren Webseiten auftauchen (z.B. sind wortwörtlich kopierte Auszüge der Wikipedia in einem anderen Wiki leider keine Seltenheit mehr). Wer ist hier nun der Urheber und worauf soll der Referenzlink im eigenen Literaturverzeichnis geschalten werden? Urheberanalysen und notwendige Nachforschungen sind leider sehr zeitaufwändig.

    Zusätzlich müssen Online-Inhalte prinzipiell in PDF-Form archiviert werden, um bereits offline gegangene Webseiten auch später korrekt referenzieren zu können. Dieses Vorhaben geht nun weiter zum Design bzw. Layout der Webseite, da viele Online-Portale weder W3C-konform noch druckerfreundlich oder barrierefrei zugänglich sind. Eine weitere Erschwernis in der Referenzierung von Online-Inhalten in wissenschaftlichen Arbeiten.

    Personalisierte Vorlesungsunterlagen – Ja und Nein! Gerade in E-Learning-Kursen kann durch personalisierte Angebote jeder Student individuell betreut und dessen Lernfortschritt verfolgt werden. Die Idee finde ich gut (immerhin macht das einen wichtigen Teil des E-Learnings aus), allerdings darf das “Big Picture” nicht verloren gehen. Ich möchte als Student immer noch wissen, welcher Stoffumfang in der jeweiligen Lehrveranstaltung zu bearbeiten ist, was auf mich zukommt und nicht als Spielball von einem Kapitel zum nächsten weitergereicht werden.

    Aus der Sicht der Vortragenden sehe ich ziemliche hohe Investionen in die Umgestaltung dieser Vorlesungunterlagen fließen, die bei den ohnehin knappen universitären Mitteln aus meiner Perspektive anderweitig besser eingesetzt wären (z.B. in der Qualitätssteigerung der bestehenden Online-Kurse bzw. dem Ausbau der E-Learning-Infrastruktur).

    Hochschullehre 2.0 – Einfachheit und Kooperation. Ja, das kann ich nur unterstützen. Seit Studienbeginn habe ich schon zahlreiche Serversysteme unterschiedlichster Institute zur Validierung von Algorithmen, zur Anmeldung für Vorträge, Prüfungen oder ganze Lehrveranstaltungen verwendet. Jedes dieser Systeme ist einzigartig, wird individuell betreut, arbeitet völlig unabhängig und verschlingt Unmengen an technischen und personellen Ressourcen.

    Wünschenswert wäre hier eine gemeinsame Lösung, die zentral betreut wird und (fast) alle Anforderungen der einzelnen Institute abdeckt. Dass dies keineswegs einfach ist, kann ich nachvollziehen, aber gerade eine Technische Universität sollte sich solch einer Herausforderung stellen.

    geschrieben von Thomas Hainzel am 20. Sep, 2009

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